marokiblog

Monat: Dezember, 2011

Facebooks Börsengang, V0.3a

Wie passt der Börsengang von facebook zur These, dass facebook den neuen Faschismus bringt?

Beide passen perfekt zusammen.

Seit gut einem Jahr heisst es: Facebook will an die Börse gehen. Wenn 1% der inzwischen 800 Millionen Facebook-Nutzer zeichnen, sind das 8 Millionen Anteilseigner. Wenn jeder einen Anteil für 1000 Euro zeichnet, ist das eine Einnahme von 8 Milliarden, von 10 Milliarden ist in den Berichten die Rede. Das ist viel Geld, um weitere verführerische Bespitzelungstechniken für die davon sich wenig irritiert zeigenden facebookerianer zu entwickeln. (Manager-Magazin zum Börsengang / Spiegel-Online zum Börsengang)

Aber etwas anderes ist aus meiner Sicht an diesem Börsengang mindestens genau so wichtig zu bedenken: Es gäbe dann 8 Millionen Menschen, die nicht mehr nur Nutzerkunden, sondern Miteigner von facebook wären, die damit ein massives Interesse haben, dass es Facebook gut geht. Vergleicht man diese Konstruktion zum historischen Faschismus, dann braucht es keinen Überverführervater mehr, es braucht auch keine Imagination eines Volkskörpers, auf die die Kollektivmitglieder einzuschwören sind. Eine Aktiengesellschaft mit einer derartig breit gestreuten Massenbasis ist eine geradezu fantastische Konstruktion, um sowohl in ökonomischer als auch politischer und kultureller Hinsicht weiterhin noch erfolgreicher als bislang durch brainwashing Gefolgschaft einfordern zu können. (Das brainwashing funktioniert deshalb, weil facebook seinen Nutzern zu halten verspricht, was jeden interessiert: Kontrolle über die eigene Reputation zu haben und andere besser beobachten zu können als selber beobachtbar zu sein. facebook ist die Inkarnation von Macht über andere. Und das bedeutet, mit Foucault gewendet: Die Motivlage ist Sex, die Methode ist das Panopticum.)

Die Facebook-Ideologie wird in Deutschland durch eine lautstarke Spackeria verbreitet, die sich selber als Kommunikations- und Politikavantgarde inszeniert. Flankiert wird das naive, analytisch und visionär talentbefreite Treiben weniger Datenschutzkritiker durch Medienanwälte, die die Interessen der großen Industrie durchzusetzen bereit sind und ohnehin jeder staatlichen Deregulierung das Wort reden, um mit Verträgen ungleich leichter ihre einseitigen Risikoabwälzungen durchzusetzen. Die Staatskanzlei Schleswig-Holstein kämpft ebenso wie viele Webseitenbetreiber mit “Like-It-Button” dafür, facebook weiterhin Daten anliefern zu dürfen, wenn sie doch dafür nur ihre insights bekommen. Facebook ist der Führer, und fast alle folgen. Und alle facebookerianer sind dann auch unmittelbar zum Führer. Facebook ist das organisierte Gleichschalten aller gesellschaftlich bislang voneinander unabhängig agierenden Organisationen und Funktionen, im polit-ökonomischen Interesse von facebook. Mit der dann absolut schlüssigen Ideologie, dass privacy, als Schutz des Bürgers vor überstarken Organisationen wie facebook, old school sei. Herr Zuckerberg ist reich, und die CIA agiert als Welt-Gestapo und -Stasi zugleich, lenkt zentral die Staaten und Organisationen dieser Welt und hält die Ich-schwachen facebookerianer (“Salatköpp”, danke SPIEGEL) durch weitere schöne Spiele bei guter Laune.

Kulturell geht dies einher mit einer Umwertung aller Werte (Nietzsche): So schleicht es sich als akzeptabel und normal ein, dass der facebook/CIA alles belauschen kann und vermutlich auch belauscht und auswertet. Die Opfer liefern selber ein, das ist sozialtechnologisch so genial wie die Quasi-Selbstorganisation der KZ, deren tödlicher Betrieb von relativ wenigen Wachleuten aufrecht erhalten wurde. Es stellt sich kein Schrecken darüber mehr ein. Denn es wird nur die individuelle Betroffenheit gesehen. Weist man in Gesprächen darauf hin, dass facebook in seinen AGBen das Briefgeheimnis nicht achtet, wobei diese Transparenz allein schon als datenschutz-compliant herhalten soll, erfährt man lapidar: Man selber sei ja viel zu uninteressant und liefere außerdem kaum Daten an, man wolle doch nur bequem mitbekommen, wo die nächste Party sei. Der bislang erschreckende Umstand des Universalbelauschtseins verliert seinen Schrecken, weil das Schreckenswürdige nicht mehr strukturell gewendet werden kann, “Ich und mein Magnum”. Es wird eine Abgeklärtheit demonstriert, dass man ohnehin davon ausgehe, dass Geheimdienste alles mitläsen und sowieso nur das passiere, was letztlich die Globalplayer wollen. Die facebookerianer richten sich so in den faschistoiden Verhältnissen ein. Das ist ein Einrichten, wie es unter den Nazis und den Primitivstaatsozialisten ein notwendig alltägliches Verhalten von Menschen war. Es gibt weder einen Aufschrei, wenn darüber berichtet wird, dass seitens amerikanischer Unternehmen im Modus der Selbstverständlichkeit, schlicht unter Hinweis auf den patriot act, auf Dateien in Cloudspeichern zugegriffen wird oder millionenfach bei Smartphones mitgelesen wird oder zumindest gelesen werden könnte. Es gibt nur ein müdes journalistisches Abhandeln, etwa im Heise-Verlag, der inzwischen auch lieber das facebook-Lied singt und Datenschutz als veraltet jagd. (Carrier-IQ). Da agiert DER SPIEGEL schon bissiger, wenn er schreibt (DER SPIEGEL, Nr.49/5.12.2011): “Facebook ist keine Internetfirma, sondern ein Quasi-Staat im Internet.” (S. 80) Der sogar eine eigene Währung ausgibt. “Wer bei Facebook ist, soll alles, was er im Internet tut, bei Facebook tun. Das ist der Plan.” (S. 75) Das ist die Simulation der Gesellschaft in den Grenzen einer Organisation. Und das ist Faschismus.

Es gibt aus meiner Sicht unter keinen Umständen eine Rechtfertigung für Zugriffe von SocialWeb-Betreibern, von Geräteherstellern, Netzwerkprovidern oder Staaten auf die Daten von Personen, zumal auf Geräten, die Eigentum der Personen sind. Die Verantwortlichen solcher Spitzel-Organisationen agieren kriminell und sind schlicht entsprechend zu behandeln. Das sind keine Kavaliersdelikte, nur weil sie massenhaft und inzwischen als eingeschliffene Routinen passieren. Es werden Bürgerrechte außer Kraft gesetzt. Damit brechen soziale Schutzdämme, politisch, kulturell, rechtlich, weltweit in den modernsten Gesellschaften. Es ist so, als ob wir uns daran gewöhnen sollen, dass moderne Gesellschaften, die sich vollkommen von Kommunikationstechniken abhängig machen, nur um den Preis der Vollüberwachung zu haben seien. Anonymität ist Grundfunktionalität im Markt, bei politischen Wahlen, im freien Diskurs. Wer diese bislang gesellschaftlich bestehende Anonymität solcher Strukturen unterläuft, indem er sich bspw. durch automatisiertes Verschaffen von Passworten Zutritt zu persönlichen Kommunikationen verschafft, so wie es facebook bei der Anmeldung eines neuen Accounts macht, unterläuft die Quellen der Freiheit und Selbstbestimmtheit von Personen. Das ist kriminelle, strukturelle Gewalt.

Im weltweiten Vergleich scheint es dabei noch so, als ob in Deutschland der Widerstand gegen facebook und google noch am ausgeprägtesten ist. Was in England offenbar auf Verwunderung trifft. Dort wird in einem Bericht über Deutschlands Krieg mit facebook und google auf den Umstand hingewiesen, dass Deutschland historisch über besondere Erfahrungen in Bezug auf Faschismus verfügt. Aufallend sei, dass andere Staaten nicht wie Deutschland zumindest ein bischen auf Distanz zu den Aktivitäten von facebook und google gehen, stattdessen suchen sie deren Nähe. Nicht nur China sondern offenbar auch Frankreich haben ein Agreement, dass Sicherheitsbehörden jederzeit und ungehindert an gewünschte Daten herankommen. Unter Letztentscheid und Aufsicht von facebook, logisch. Der Autor beginnt darüber zu spekulieren, dass andere Länder dem deutschen Beispiel folgen könnten. Und zwar beschämt, weil so spät aufgewacht.  (Deutschlands Krieg mit facebook und google)

Inzwischen wurde ich darauf hingewiesen, dass sich die Autoren des Spiegel-Artikels vermutlich bei einem ebenso lesenswerten Artikel der fastcompany bedient haben dürften (The Great Tech War Of 2012).

Moderne Faschismus-Indikatoren, V0.2a

Handelt es sich wirklich um Faschismus, was da mit den globalen SocialWeb-Platforms facebook und google aufzieht?

Ja.

Man wird einen neuen heraufziehenden Faschismus nicht bequemerweise daran erkennen, dass er sich erst einmal anhand von industriell verfertigten Massenmorden an einer Bevölkerungsminderheit von 6 Mio Menschen und bis zu 70 Millionen Kriegstoten ausweist. Und der vielleicht noch bequemer anhand eines “Führers” erkennbar auftritt, der sich zweifelhaft benimmt und vielleicht sogar einen Schnauzbart trägt, damit man so gar keinen Zweifel mehr haben muss, dass es sich um einen wirklich ganz bösen Despoten handelt. Man muss realistischerweise damit rechnen, dass ein neuer Faschismus ganz anders als bisher und doch so wie der alte den Zeitumständen entsprechend verführerisch daherkommt.

Zentrale Indikatoren eines “neuen” Faschismus, an dem man ihn erkennen könnte, könnten die folgenden sein:

  • Eine totale Ideologie, z.B. der nach der totalen Transparenz der Menschen gegenüber Organisationen,
  • keine Gewaltenteilung dort, wo die Regeln des sozialen Zusammenseins erdacht, entschieden und ausgeführt werden. Die Exekutive dominiert, qua effektiver Technik und Automatismen. Die Kontrolle der Exekutive ist undurchsichtig.
  • keinen Marktmechanismus, denn Angebot und Nachfrage sind möglicherweise qua Überwachung durchkalkuliert oder da technisch zugänglich durchkalkulierbar,
  • keinen freien politischen Diskurs, weil eine zentrale Distanz entscheiden könnte, war zugelassen ist und was nicht. Foren werden im Zweifel vom Provider ansatzlos geschlossen.
  • keinen freien Diskurs in Wissenschaft und Kunst, weil immer Unsicherheit darüber bestehen muss, ob tatsächlich nur der stumme Zwang des besseren Arguments oder der schöneren Anmutung den Ausschlag gibt und nicht der Provider, über dessen Infrastruktur kommuniziert wird,
  • keine Achtung der Bürgerrechte, und z.B. kein Briefgeheimnis mehr gilt und keine Unverletzlichkeit der eigenen Domäne,
  • keine Medienfreiheit, weil die Zulassung eines jeden neuen “Senders” und “Empfängers” vom zentralen Provider zugelassen werden muss oder eben nicht
  • Spitzeltum, wenn Plattformbetreiber sowie die vom Plattformbetreiber abhängigen Sicherheits- und Geheimdienste, Marketingsabteilungen, Sozialversicherungen, Energie- und Ökoregulatoren, Psycho- und Sozialforschung sämtliche Kommunikationen, Inhalte und verbindungen, im Grundsatz von einem Punkt aus beobachten können, über die Preisgabe von Informationen, über die Qualität preisgegebener Informationen, deren Integrität, Validität und Reliabilität, entscheiden.

Entscheidend: Eine zentrale Organisations-Instanz bestimmt allein sämtliche Regeln der gesellschaftlichen Kommunikation, der Kommunikation zwischen Organisationen und Personen sowie bei Interaktionen von Personen. Sie bestimmt was zu zusehen ist und was nicht.

Man halte das Ausweisen dieser Eigenschaften eines Neuen Faschismuses gegen das Licht der Wikipedia-Einträge zu Totalitarismus und Faschismus.
Wikipdia zu Faschismus

Dabei könnten die folgenden Prüf-Überlegungen angestellt werden:

  • Sind die obigen Bestimmung, in Bezug auf die Wikipedia-Ausführungen, auf eine angemessene Weise abstrahiert und konzentriert?
  • Sind die verbliebenen Differenzen zwischen obiger Bestimmung und den historisch-empirischen Bestimmungen (Wikipedia nennt Arendt, Kielmansegg, Friedrich/Brzezinski) dem Umstand geschuldet, dass es sich um eine neue Form des Faschismuses handelt, aber der alteingeführte Begriff kann trotzdem genutzt werden?
  • Sind die Differenzen des historischen und des neuen Faschismuses doch so stark ausgeprägt, dass ein neuer Begriff zu rechtfertigen ist bzw. eingeführt werden sollte? Zum Beispiel der des Global-Fundamentalismus?

Im Moment scheint mir der Begriff “Faschismus” angemessen zu sein, weil er inhaltlich schon mal Vieles auf einen bekannten und reflektierten Begriff bringt und somit zunächst für eine Wiedererkennbarkeit sorgt. Natürlich hat er auch eine noch immer funktionierende Alarmierungsfunktion und sorgt (bislang noch) für Aufmerksamkeit.

Um es scharf soziologisch in Bezug zu facebook zu formulieren: Es handelt sich hierbei um eine Simulation von Gesellschaft (“alles scheint möglich zu sein”) in Organisation (“facebook” und wer immer dahinter steckt) mit den Mitteln der Interaktion (“Quatschen in der Welt der Freunde”). Oder wie der Spiegel formuliert (DER SPIEGEL, Nr.49/5.12.2011, S. 75): “Wer bei Facebook ist, soll alles, was er im Internet tut, bei Facebook tun. Das ist der Plan.” (Der Spiegel-Artikel ist unbedingt lesenswert.) Das “alles” sollte man Ernst nehmen.

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